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Als Berater für Risikomanagement betreuen wir zahlreiche Kunden in südlich und östlich von Österreich und vor allem auch im riesigen und zukunftsträchtigen Markt Türkei.

Die jüngsten Ergüsse österreichischer Spitzendiplom…. Verzeihung, -politiker hat bei vielen Unternehmen massive Unsicherheit und Empörung ausgelöst.

Die Türkei mit einem Außenhandelsvolumen von rund 4 Milliarden Euro und einem Anstieg von Warenexporten von sensationellen 16,2 % in 2015 ist einer der wichtigsten Zukunftsmärkte für Österreich.

Nun haben sich einige Volksvertreter wieder einmal vor den Karren populistischer Stammtischverschwörungsblätter schnallen lassen und in für Österreich ungewohnter Manier, jegliche diplomatische Usancen missend, einen verbalen Kreuzzug gegen nicht nur unseren Handelspartner gestartet.

Natürlich kann man die Vorgangsweise des amtierenden Machthabers der Türkei verurteilen, ethisch und moralisch in Frage stellen und seine gefällige Meinung dazu haben. Bevor man diese jedoch kund tut, sollte man vielleicht einmal kurz reflektieren, wem solche Unmutsäußerungen nützen.

Lassen wir die moralisch verwerfliche Gier Geschäfte zu machen beiseite und konzentrieren uns auf wesentliche Faktoren, die für Österreich eine beträchtliche Relevanz haben.

Die türkische Gemeinde beträgt rund 250.000 Einwohner und ist gerade trotz ihres kulturellen Hintergrundes einer der am besten in Europa integrierten muslimischen Gemeinden, mit einem Mittelschulabschluss von über 50% bei männlichen Immigranten der bereits ersten Generation. Diese Gemeinde „liefert“ ein enormes Potential an Arbeitskräften, die sich für „Handarbeit“ nicht zu schade sind und auch jene Jobs annehmen für die sich zahlreiche ÖsterreicherInnen zu gut sind.

Wesentlicher ist jedoch – um dann letztlich auch das wirtschaftliche Potential nutzen zu könne – zu verstehen, dass dieses Land, wie so viele andere Länder dieser Kulturkreise kulturell über Jahrhunderte eine Gesellschaftsform entwickelte und sich darin weiter entwickeln, die autoritär geprägt sind; auch wenn sie wie die Türkei starke demokratische Ansätze zeigen, die mit denen einer westlichen Demokratie vergleichbar sind.

Dennoch wäre es nicht nur arrogant sondern ist es sicherheitspolitisch völlig unverantwortlich der Türkei „unsere“ Demokratie aufzwingen zu wollen. Das funktioniert in China so wenig, wie in der Türkei. Ein Land dieser Größe, mit dieser Geschichte und diesen ethnischen Konfliktpotentialen in eine westliche Demokratieordnung zu entlassen ist unmöglich und wäre ähnlich erfolgreich wie in Libyen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Man würde einen unkontrollierbaren Konfliktherd am Eingangstor Europas schaffen. Dass dies dem geneigten Stammtischexperten unzugänglich ist, ist noch nachvollziehbar, die politischen Player müssten es aber besser wissen.

Zu glauben, dass türkische Machthaber weniger machthungrig sind als europäische und amerikanische ist erstens naiv und zweitens nur ein Zeugnis dafür, warum das diplomatischer und heimlicher arbeitende „Establishment“ der westlichen Demokratien bei all dieser Naivität funktionieren kann.

Bei uns werden zwar keine Journalisten eingesperrt aber wesentliche Werbeschaltungen sind schneller gekürzt als JournalistInnen mit den Augen zwinkern können.

Der aber aller wichtigste Grund ist das schon erwähnte „Tor nach Europa“. Wenn wir den dortigen politischen Vorgängen nicht diplomatisch begegnen ist eine Kettenreaktion an schädlichen Szenarien absehbar, die vor allem für Österreich als „Tor nach Osteuropa“ ungeahnte Folgen haben würden.

Ein Abwenden der Türkei vom Flüchtlings-Deal mit der EU, würde zu allererst Österreich treffen, da wir neben Deutschland ein Hauptzielland sind.

Ein Austritt der Türkei aus der NATO würde der NATO und somit auch in letzter Instanz Österreich des wichtigsten Dammes gegen zwei der im Moment schrecklichsten Kriegszonen diese Planeten, Irak und Syrien, berauben. Die Folgen eines Überschwappen dieser Konflikte in die kurdischen und andere Regionen der Türkei oder sogar ein durchaus denkbares worst-case Szenario eines Bürgerkrieges des dann nicht-mehr-Nato-Partners hätte fatale Konsequenzen auf unser soziales Sicherheitsgefühl, -gefüge und somit alltägliches Leben.

Wahrscheinlich ist Erdogan nicht der Traum aller demokratiepolitischen Schwiegermütter aber er ist ein Faktor der Stabilität in einem Schwellenland zu Chaosregionen und abscheulichsten Kriegshandlungen. Ihn zu überzeugen, ist eine Aufgabe politischer Diplomatie, ihn zu verärgern und zu verstoßen ist nicht nur arrogant sondern ein Schuß ins eigene Knie.

Unserer Wirtschaft entzieht es Umsätze, dringend notwendige Arbeitsplätze und Arbeitskräfte.

Unsere Sicherheitslage wird geschwächt und die rechte Reichshälfte wird weiter gestärkt. Und auch wenn man kurz gesagt im Kern recht hat, verändert man nichts, man verhindert nur die Möglichkeit einer positiven Einflussnahme – qui bono?

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